Donnerstag, 13. November 2008

Thomas aus der JVA Bruchsal über Psychische Krankheiten und Suizid in Vollzug

Psychische Krankheit, Suizid und Knast

Seelische, bzw. psychische Störungen sind nicht nur außerhalb der
Gefängnismauern immer noch weitgehend tabuisiert. Wer ein gebrochenes
Bein in Gips trägt, wird von seinem Umfeld bedauert. Wer an einer
gebrochenen Seele leidet, dem oder der ist die Ausgrenzung ziemlich gewiss.
So gibt es im politischen Kontext aktuell den Versuch, die Repression
auf psychischer Ebene (z.B. traumatisierende Folgen von Polizeigewalt)
zu thematisieren und in das Bewusstsein zu rufen
(http://www.outofaction.net). Aber auch wer Kontakt zu und mit
Gefangenen hat, ist vielleicht interessiert, etwas über die psychische
Verfasstheit von Inhaftierten zu erfahren.

In einer kurzen Einleitung (A.) möchte ich beschreiben, was wir unter
psychischen Störungen und Psychopathologie verstehen, um dann über eine
Studie zu referieren (B.), welche die Verteilung psychischer Störungen
im (deutschen) Strafvollzug untersuchte. Daran schließt sich eine
Übersicht (C.) an, in der auf Suizide im Gefängnis eingegangen werden
soll, um dann mit einem Resümee (D.) zu schließen.

A. Psychische Störungen u.a.

Eine der verbreitesten Definitionen des Begriffs
"Persönlichkeitsstörung" beschreibt diese als tief verwurzelte,
anhaltende Verhaltensmuster, die sich in starren Reaktionen auf
unterschiedliche persönliche und soziale Lebenslagen zeigen; wobei man
gegenüber der Mehrheit der Bevölkerung deutliche Abweichungen im
Wahrnehmen, Denken, Fühlen und in Beziehungen zu anderen feststellen
könne (vgl. ICD-10, dem Klassifikationssystem der WHO). Die American
Psychiatric Association spricht nur dann von einer
Persönlichkeitsstörung, wenn Persönlichkeitszüge unflexibel und wenig
angepasst sind und die Leistungsfähigkeit wesentlich beeinträchtigen
oder zu subjektiven Beschwerden führen (vgl. DSM-IV). Bestimmendes
Merkmal laut DSM-IV sei ein andauerndes Muster inneren Erlebens und
Verhaltens, das sehr deutlich von den allgemeinen Erwartungen des
jeweiligen kulturellen Umfeldes an solche Erlebens- und Verhaltensweisen
abweiche.

Zur Tabuisierung psychischer Störungen (in weitem Sinne) mag sicher
beigetragen haben, dass sie von Anfang an eng mit "Irrenhäusern und
Zuchthäusern" verknüpft wurden. Im 18. Jahrhundert trugen die
Überfüllung der Zuchthäuser und Kritik einiger Mediziner zu einem
Diskussionsprozess bei, wie mit Menschen zu verfahren sei, welche nicht
eindeutig geisteskranke "Irre" waren (so der damalige Sprachgebrauch),
sondern sich zwar abnormal verhielten, bei denen jedoch nicht eindeutig
bestimmbar war, ob ihnen Fürsorge zuteil werden sollte, oder ob man sie
einer Strafe im Zuchthaus zuführen sollte.
Über Jahrzehnte, aber auch dann im 19. und 20. Jahrhundert wurden
psychiatrische Störungsbilder mit Kriminalität verbunden und
gleichgesetzt, bzw. mit einer "Minderwertigkeit" assoziiert. Diese auch
heute noch diffus mitschwingende Vorstellung über Menschen mit
seelischen Problemen verhindert mitunter eine sachliche
Auseinandersetzung. Aber wie verhält es sich nun mit psychischen
Störungen bei Gefangenen?

B. Psychische Störungen bei Gefangenen

In einer 2006 vorgestellten Studie (Der Nervenarzt 2006, S. 830-841)
fanden die Autoren besorgniserregende Ergebnisse. So fanden sie bei 83,5
% der Inhaftierten eine aktuelle psychische Störung der Achse I (nach
DSM-IV, darunter fallen substanzbezogene Abhängigkeiten, psychotische
Störungen, Angststörungen, Bulimie, etc.), und ferner bei 53,2 %
mindestens eine Persönlichkeitsstörung (z.B. paranoider, narzisstischer,
borderliner, antisozialer Art).
Durchgeführt wurde die Untersuchung in der JVA Bielefeld-Brackwede
zwischen dem 01.05.2002 und 01.06.2003. Zum einen wurden alle
inhaftierten Frauen erfasst, welche am Stichtag 01.05.2002 dort einsaßen
(Anzahl: 63), sowie eine parallelisierte Gruppe männlicher Gefangener
(76 von 582 männlichen Inhaftierten). Alle TeilnehmerInnen erklärten ihr
Einverständnis an der Teilnahme der Studie.
Während 59,2 % der Männer alkoholabhängig waren, wurde bei den Frauen
nur in 23,8 % der Fälle eine solche Abhängigkeit festgestellt; jedoch
sah das Verhältnis genau umgekehrt bei der Opiatabhängigkeit aus: 60,3 %
- Frauen und 31,6 % - Männer.
Angststörungen und posttraumatische Belastungsstörung wurden bei 39,7
und 31,7 % der Frauen, jedoch nur bei 17,1 bzw. 11,8 % der Männer
diagnostiziert (jeweils bezogen auf 85,7 % der 63 Frauen und 81,6 % der
76 Männer, welche entsprechend diagnostiziert wurden).

Was die Persönlichkeitsstörungen betrifft, gab es ebenfalls
geschlechterspezifische Unterschiede. Bei 65,1 % der Frauen, jedoch nur
bei 43,4 % der Männer wurde (mindestens) eine solche Störung
festgestellt. Davon wurden dann bei den Frauen 42,9 % als Borderliner,
33,3 % als paranoid und jeweils 17,5 % als zwanghaft, bzw.
selbstunsicher diagnostiziert, und immerhin 30,2 % als antisozial. Bei
den Männern waren es 32,9 % Antisoziale und bspw. 10,5 % mit paranoider
Störung.
Die Untersucher sahen bei über 83 % einen fachspezifischen
Behandlungsbedarf und konstatierten, dass diesem Bedarf nicht
ansatzweise ein entsprechendes Angebot gegenüber stehe.

C. Suizide im deutschen Strafvollzug

Auch wenn der Suizid kein gefängnistypisches Phänomen darstellt (laut
WHO gab es in Deutschland 2001 auf 100.000 Einwohner unter 65 Jahren
10,27 Sterbefälle durch Suizid, für Einwohner über 65 Jahren lag die
Rate bei 23,30 Sterbefällen. Getrennt nach Geschlechtern begehen Männer
mehr als 3mal häufiger Suizid als Frauen), wird doch immer wieder über
Selbsttötungen im Gefängnis berichtet.
Im September 2005 stellte der Kriminologische Dienst im Bildungsinstitut
des niedersächsischen Justizvollzugs deshalb eine Studie über sämtliche
Suizide in bundesdeutschen Haftanstalten in den Jahren 2000 bis 2004
vor. Die Untersuchung zeichnet sich durch eine gewisse Detailfreudigkeit
aus; so werden die Suizide auch in Beziehung gesetzt zum Wochentag des
Todes (keine besondere Häufung etwa an Wochenenden, vielmehr geschahen
die meisten Suizide an einem Mittwoch, erst danach folgen der Sonntag
und danach die Freitage), zum Sterbemonat (keine Häufung z.b. an
Weihnachten, vielmehr fanden im Dezember die wenigsten Selbsttötungen
statt. Der März war der Monat mit den meisten Suiziden) oder der
Jahreszeit (30 % der Suizide im Frühjahr, 23 % im Sommer, 23 % im Herbst
und 24 % im Winter).
Signifikant ist die Haftzeit der Suizidenten. Immerhin 48,2 % töteten
sich innerhalb der ersten drei Monate nach Inhaftierung; insgesamt fast
80 % innerhalb der ersten 12 Monate.

In 32,3 % der Fälle fand man nach dem Suizid einen Abschiedsbrief.

Auch die Suizidmethode wurde untersucht. Von den 467 durch Suizid
gestorbenen Gefangenen (464 Männer, 3 Frauen), starben 405 durch
Erhängen, 20 durch Schnitt (die übrigen verteilten sich auf Drogen,
Medikamente, Strom u.a.).

Auf Antrag der GRÜNEN im Landtag von NRW fand am 20.08.2008 eine
Expertenanhörung im Rechtsausschuss des Landtages zur Situation
psychisch kranker Gefangener statt. Gefordert wurde mehr Personal, aber
auch mehr Haftplätze; insgesamt bemängelten die Fachleute die aktuelle
Situation in den Gefängnissen, was den Umgang mit psychisch kranken
Gefangenen betrifft.

So sehr selbstverständlich eine bessere Betreuung für die Betroffenen zu
wünschen wäre, kann "mehr Personal und Zellen" nicht der Weisheit
letzter Schluss sein. Zum einen ist doch zu bemerken, die Diagnose, wer
an einer psychischen Störung leidet, ist keineswegs sicher, hängt sie
doch (siehe oben) erheblich vom kulturellen Umfeld ab. Außerdem geht es
um die Kapitalismus-immanente "Leistungsfähigkeit" der Betroffenen: Wer
nicht (mehr) leistungsfähig ist, entspricht nicht der hier
vorherrschenden Norm, ist also "gestört"!?

Zu fragen wäre zum anderen, ob das innere Leiden nicht ein Spiegel ist
für das Leiden der Gesamtgesellschaft.

Aber worum es meiner Ansicht nach nicht gehen kann, ist eine Loslösung
der Verantwortlichkeit der Gefangenen mit psychischen Besonderheiten: Es
hat auch mit Würde zu tun, dazu zu stehen, was jeder Einzelne getan hat;
trotz allem sind sie eingebettet in ein soziales Umfeld, das auf sie
eingewirkt hat, sie also auch dazu machte, was sie heute sind. Aber sie
sind dem nicht hilflos ausgeliefert, sondern selbst Akteure in diesem
System.

Eins dürfe jedoch klar sein: Strafvollzug, Gefängnis, Knast verschärft
bestehende psychische Störungen und vermag zudem bei nicht so stabilen
Menschen auch Störungen hervorzurufen.

Thomas Meyer-Falk, c/o JVA -- Z. 3113, Schönbornstr. 32, D-76646 Bruchsal

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