Mittwoch, 30. April 2008

Einkaufen im Knast

Knastshop Massak -- Teil 2

Vor einigen Wochen berichtete ich unter der Überschrift "Kapitalismus im
Knast" (http://www.de.indymedia.org/2008/03/210045.shtml) über die Firma
Massak Logistik GmbH (http://www.massak.de), die in mittlerweile 40
Gefängnissen die Gefangenen mit Lebensmitteln und Hygieneartikeln
beliefert. Zwei Mal pro Monat können Gefangene in Thüringen, Bayern,
Sachsen und auch Baden-Württemberg bei genannter Firma ihr Geld ausgeben.

Allerdings missfällt den Insassen die Preisgestaltung, egal ob in
Bruchsal oder beispielsweise in der Frauenhaftanstalt in München.

In einem persönlichen Gespräch teilte mir Herr Massak, Gesellschafter
der o.g. GmbH am 3. April mit, er fühle sich durch meinen Artikel
"Kapitalismus im Knast" sehr beleidigt und gekränkt, ob mir denn der
Begriff "soziale Marktwirtschaft" nichts sage. Er spende alljährlich für
Sommerfeste in den Anstalten, sehe sich aber durch mein Auftreten
veranlasst, in Bruchsal gegebenenfalls nichts zu spenden.

Es ist nicht überliefert, warum der Jahresüberschuss der Firma Massak
Logistik GmbH von 2005 auf 2006 um 30.000 Euro gesunken ist (über
http://www.bundesanzeiger.de können die Bilanzen kostenfrei abgerufen
werden), es mag mit den großzügigen Spenden zu tun haben ?!
Aber es liegt auf der Hand, dass die Kunden -- sprich die Gefangenen --
solche spendierten Feste letztlich selbst zahlen, nämlich durch die von
ihnen als überhöht empfundenen Preise.

Herr Massak hielt noch für mitteilenswert, dass ich ab sofort soviel
gegen ihn unternehmen könne, wie ich wolle, da er mit einem Anwalt einen
Pauschalvertrag geschlossen habe.

Im Rahmen eines Prozesskostenhilfeverfahrens erhielt ich mittlerweile
eine Kopie des Vertrages zwischen Justizvollzugsanstalt Bruchsal und
seiner Firma. Dort ist u.a. vereinbart worden, dass Massak mittelfristig
die Gefangenen auch mit Backwaren und Obst versorgen und alle
Katalogbestellungen übernehmen soll. Er darf also sein Monopol weiter
ausbauen. Können wir jetzt noch ein Mal pro Woche Obst bei einem
örtlichen Gemüse-/Obsthändler ordern, wird es dieses dann (in
eingeschränkter Auswahl, dafür aber möglicherweise zu höheren Preisen)
nur noch alle zwei/drei Wochen geben.
Ein weiterer Rückschritt.

Da diverse Gefangene die Preissteigerungen und das Preisniveau des Herrn
Massak für problematisch halten, hatte ein Gefangener hier in der JVA
Bruchsal auf dem PC in seinem Ausbildungsbetrieb einen Protestbrief als
Vorlage verfasst. Dort heisst es u.a.: "Die Preise sind
unverhältnismäßig hoch (...). Kann sich dieser Einkäufer nicht bereit
erklären, faire und marktübliche Preise zu verlangen (...). Ich bitte um
schnelle Problemlösung".

Am 17. April 2008 wurde der Gefangene E. für das Verfassen und
Vervielfältigen dieses Protestbriefes zum einen im Betrieb abgemahnt, da
er den PC zu ausbildungsfremden Zwecken mißbraucht habe. Im
Wiederholungsfalle werde man ihn aus dem Betrieb entlassen.
Zum anderen wurde er disziplinarisch belangt, u.a. mit 50 Euro
Hausgeldsperre (die 50 Euro werden ihm also nicht zum Einkauf von
Nahrungsmitteln etc. belassen, sondern "gesperrt", und er erhält sie
erst in einigen Jahren bei seiner Entlassung).
Der Ausbildungsbetrieb wurde zudem von Sicherheitspersonal durchsucht.

Ob es strategisch besonders klug war, der Anstalt eine solche
Angriffsfläche zu bieten, in dem man das Schreiben auf ihrem Rechner und
ihrem Drucker herstellte, mag dahingestellt sein, besonders souverän
erscheint die Reaktion der JVA indessen nicht. Gefangene sollen (vgl. §
2 Abs. 1 StVollzG) befähigt werden, "künftig in sozialer Verantwortung
ein Leben ohne Straftaten zu führen". Zu "sozialer Verantwortung" zählt
gewiß auch, sich gegen als unrecht empfundene Verhältnisse schriftlich
zu äußern.
Bedauerlicherweise führte die Protestbriefaktion daneben auch noch zu
unnötigen Streitereien in der Gefangenenvertretung, die in gegenseitigen
Mißtrauensanträgen gipfelte.
Eigentlich sollten wir Gefangene an einem Strang ziehen und zwar auf
derselben Seite, nur dann können wir etwas bewegen.

Thomas Meyer-Falk, c/o JVA -- Z. 3113, Schönbornstr. 32, D-76646 Bruchsal
homepage: http://www.freedom-for-thomas.de
blog: http://www.freedomforthomas.wordpress.com

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